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da ist er wieder, der 1. Mai

Nun steht schon wieder der 1. Mai vor der Tür. Der von den Nationalsozialisten in Deutschland zum Feiertag gemachte „Tag der Arbeit“ will begangen werden, von verschiedensten Linken auch liebevoll „Revolutionärer 1. Mai“ oder „Kampftag der ArbeiterInnenklasse“ genannt.

Tatsächlich ist das, was die Linken so an diesem Tag veranstalten konterrevolutionärer Kitsch. Schlechte Aufrufe mit wenig Inhalt gegen die da oben und den Imperialismus.

In schlechter Tradition wird mindestens ästhetisch an die Sowjetunion angeknüpft, so als wäre es selbstverständlich sich als Kommunist_in auf diese zu beziehen. Dabei ist noch jede gute Genossin, ob Bolschewiki, Anarchistin oder sonst wie, dieser geopfert worden.

Mir fällt tatsächlich nur ein Grund ein sich positiv auf die Sowjetunion zu beziehen: das Bedürfnis nach der Identifikation mit einer zwar vergangenen, aber immerhin sehr großen Macht. Staat, Armee und riesige Leichenberge sind schon etwas mit dem es sich angeben lässt.

Auf Kritik wird so auch lieber verzichtet und es müssen einfache Feindbilder herhalten. „Die Kapitalisten“ oder „die Herrschenden“ sind natürlich immer die Bösewichte und wenn diese aus dem Weg geräumt sind wird’s schon werden. Nebenbei wird dann noch „der Imperialismus“, der natürlich nur aus dem Westen kommt, angegangen und dann werden sich die Probleme der Menschheit schon in Luft auflösen. Sonst werden halt noch ein paar Säuberungen hinterhergeschoben. Irgendjemand passendes findet sich immer wenn es nicht läuft.

Gäbe es am 1. Mai nicht auch besseres zu tun, würde ich mir gerne wieder anschauen wie diese Revolutionäre von der Polizei aufgemischt werden.

Minimale Definition der revolutionären Organisationen

(Diese Definition wurde von der 7.Konferenz der S.I. angenommen.)
In Erwägung, dass das einzige Ziel einer revolutionären Organisation die Abschaffung der vorhandenen Klassen durch einen Weg ist, der keine neue Teilung der Gesellschaft mit sich bringt, nennen wir jede Organisation revolutionär, die konsequent zur internationalen Verwirklichung der absoluten Macht der Arbeiterräte hinarbeitet, so wie sie durch die Erfahrung der proletarischen Revolutionen dieses Jahrhunderts entworfen worden ist.
Eine solche Organisation bietet eine einheitliche Kritik der Welt, oder sie ist nichts. Mit einheitlicher Kritik meinen wir eine Kritik, die sowohl gegen alle geographischen Zonen, in denen sich verschiedene Formen der sozio-ökonomischen Macht eingerichtet haben, als auch global gegen alle Aspekte des Lebens ausgesprochen wird.
Eine solche Organisation sieht Anfang und Ende ihres Programms in der totalen Entkolonialisierung des alltäglichen Lebens; sie trachtet also nicht nach der Selbstverwaltung der vorhandenen Welt durch die Massen, sondern nach ihrer ununterbrochenen Veränderung. Sie beinhaltet die radikale Kritik an der politischen Ökonomie und die Überwindung der Ware und des Lohnwesens.
Eine solche Organisation lehnt jede Reproduzierung der hierarchischen Verhältnisse der herrschenden Welt in ihrem Inneren ab. Die einzige Grenze der Beteiligung an ihrer totalen Demokratie ist die Anerkennung und die Selbstaneignung der Kohärenz ihrer Kritik durch alle ihre Mitglieder: diese Kohärenz muss einerseits in der eigentlichen kritischen Theorie und andererseits im Zusammenhang zwischen dieser Theorie und der Praxis liegen. Sie kritisiert radikal jede Ideologie als eine von den Ideen getrennte Macht und als Ideen der getrennten Macht. Sie verneint also zur gleichen Zeit jedes Fortleben der Religion sowie das heutige soziale Spektakel, welches von der Masseninformation zur Massenkultur jede Kommunikation zwischen den Menschen um den einseitigen Empfang ihrer entfremdeten Tätigkeit herum monopolisiert. Sie löst jede ‘revolutionäre Ideologie’ auf, indem sie sie als die Unterschrift des Scheiterns des revolutionären Projekts, als das Privateigentum der neuen Spezialisten der Macht und als den Betrug einer neuen Vertretung entlarvt, die sich über das wirkliche proletarische Leben erhebt.
Da die Kategorie der Totalität für die moderne revolutionäre Organisation das jüngste Gericht ist, bedeutet diese schließlich eine Kritik der Politik. Sie muss bei ihrem Sieg ihr eigenes Ende als getrennte Organisation ausdrücklich anstreben.

Situationistische Internationale no.11 (1967)

antideutscher Anarchismus

Während die libertären Bewegungen im Rest der Welt ihren antinationalen und kriegsfeindlichen Überzeugungen überwiegend treu blieben, schwenkt die anarchistisch-syndikalistisch-linksradikale Bewegung in Frankreich mehrheitlich auf eine Position des „revolutionären Patriotismus“ ein, die sich in der Krisensituation des Sommers 1914 herausbildet. Sie besagt, kurz gefasst, dass Frankreich als Land der Revolution und der Menschenrechte verpflichtet sei, alle Möglichkeiten zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auszuschöpfen. Wenn jedoch alle bemühungen an der Unnachgiebigkeit und dem Aggressionswillen des Gegners scheitern sollten, hätten auch die Revolutionäre die Pflicht, das Land als Hort der Demokratie und anderer universeller Werte zu verteidigen.

im Vorwort von Michael Halfbroft zu Émile Pouget – Die Revolution ist Alltagssache

Die Position der französischen Genoss_innen wird zwar nicht völlig verdammt, doch aber im folgenden als Symptom der allgemeinen nationalistsichen Propaganda in Frankreich gedeutet, wie es sie im prinzip ebenfalls in Deutschland gab.
Aber auch der von allen geschätzte Genosse Kropotkin blieb im ersten Weltkrieg nicht unparteiisch. Es sei nicht egal gewesen, wer in dieser Auseinandersetzung als siegende Macht hervorgeht, war seine Einschätzung und stellte sich auf die Seite der Alliierten gegen Deutschland.
In der Literatur die einem so in der anarchistischen Politisierung dargeboten wird gibt es um diese Positionen keine Auseinandersetzung. Kropotkins Positionierung für eine Kriegspartei wird nicht unbedingt verschwiegen, aber es wird als Alterserscheinung abgetan und damit ist der Punk auch abgehakt.
Ebenso verhält es sich nach meinem Eindruck mit der Auseinandersetzung mit den den Anarchosyndikalist_innen um Rudolf Rocker in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese haben mit der Föderation freiheitlicher Sozialisten keine neue revolutionäre Gewerkschaft aufgebaut sondern einen theoretisch und publizistisch ausgerichteten Zusammenhang gegründet. Dieses Moment des innehaltens, des nicht einfach weitermachens sondern sich sammeln und das geschehene zu reflektieren wird jedoch nicht als vielleicht Notwendig diskutiert sondern gilt als Revisionismus. Was es natürlich auch ist, aber in dem Wort des Revisionismus klingt ja immer der Vorwurf der Abkehr von den alten, ewig gültigen Werten mit.
Es drängt sich immer wieder der Eindruck auf, der historische Anarchismus war durchaus versierter als das was die nachfolgenden Genoss_innen aus ihm gemacht haben.

An die Nachgeborenen

III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

„Antisemit, das geht nicht unter Menschen“

etwas spät aber ich möchte noch diese Veranstaltung empfehlen. Der erste Band ist auf jeden Fall sehr lesenswert, ich hoffe heute Abend auch den zweiten Band dort bekommen zu können.

„Antisemit, das geht nicht unter Menschen“ (Gustav Landauer) – Anarchistische Positionen zu Antisemitismus, Zionismus und Israel
Buchvorstellung und Diskussion mit Jürgen Mümken

„Trotzdem sind die israelischen Genossen, genauso wie andere Strömungen, dazu gezwungen, die Tatsache zu akzeptieren, dass Israel verteidigt werden muss. Am Tag nach der Ausrufung des Staates Israel (15. Mai 1948) drohte Assam Pasha, der Generalsekretär der Arabischen Liga: „Dies wird ein Vernichtungskrieg mit Massakern wie beim Mongolensturm und den Kreuzzügen.“ In Diskussionen mit israelischen Anarchisten wurde betont, dass die einseitige Auflösung des israelischen Staates überhaupt nicht anarchistisch wäre. Es würde im Gegenteil nur die ungeheure Macht der arabischen Staaten noch vergrößern und ihre Pläne zur Eroberung Israels beschleunigen. […]Die Notwendigkeit der Verteidigung Israels ist – wie unsere Genossen freimütig bestätigten – keineswegs dazu angetan, die konzentrierte Macht des Staates zu beschneiden. Vielmehr bedingt sie die Umsetzung der militärischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Maßnahmen, die unverzichtbar sind, um Israel in ständiger Verteidigungsbereitschaft zu halten. Solche Kriegsvorbereitungen verstärken den Hang zum Despotismus, ein Kennzeichen jedes Staates, anstatt ihn abzuschwächen. Die israelischen Anarchisten (und Nichtanarchisten ebenso) wissen nur zu gut, dass die Beschneidung der Staatsmacht unter solchen Umständen keine echte Alternative ist. Aber sie fühlen sich als Anarchisten moralisch verpflichtet, sich so gut es geht gegen den zunehmenden Despotismus des israelischen Staates zu wehren.“
Sam Dolgoff (1986)

Buchvorstellung und Diskussion mit Jürgen Mümken

„Antisemit, das geht nicht unter Menschen“.
Anarchistische Positionen zu Antisemitismus, Zionismus und Israel
Jürgen Mümken | Siegbert Wolf (Hrsg.)
Band 1: Von Proudhon bis zur Staatsgründung
Band 2: Von der Staatsgründung bis heute

erschienen bei Verlag Edition AV
Einlass & Essen: 19.00 Uhr
Beginn: 20.00 Uhr

Eine Veranstaltung der Libertären Bibliothek Hamburg

Die Veranstaltung bei Facebook | Homepage von Jürgen Mümken