Archiv für Juli 2015

antideutscher Anarchismus

Während die libertären Bewegungen im Rest der Welt ihren antinationalen und kriegsfeindlichen Überzeugungen überwiegend treu blieben, schwenkt die anarchistisch-syndikalistisch-linksradikale Bewegung in Frankreich mehrheitlich auf eine Position des „revolutionären Patriotismus“ ein, die sich in der Krisensituation des Sommers 1914 herausbildet. Sie besagt, kurz gefasst, dass Frankreich als Land der Revolution und der Menschenrechte verpflichtet sei, alle Möglichkeiten zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auszuschöpfen. Wenn jedoch alle bemühungen an der Unnachgiebigkeit und dem Aggressionswillen des Gegners scheitern sollten, hätten auch die Revolutionäre die Pflicht, das Land als Hort der Demokratie und anderer universeller Werte zu verteidigen.

im Vorwort von Michael Halfbroft zu Émile Pouget – Die Revolution ist Alltagssache

Die Position der französischen Genoss_innen wird zwar nicht völlig verdammt, doch aber im folgenden als Symptom der allgemeinen nationalistsichen Propaganda in Frankreich gedeutet, wie es sie im prinzip ebenfalls in Deutschland gab.
Aber auch der von allen geschätzte Genosse Kropotkin blieb im ersten Weltkrieg nicht unparteiisch. Es sei nicht egal gewesen, wer in dieser Auseinandersetzung als siegende Macht hervorgeht, war seine Einschätzung und stellte sich auf die Seite der Alliierten gegen Deutschland.
In der Literatur die einem so in der anarchistischen Politisierung dargeboten wird gibt es um diese Positionen keine Auseinandersetzung. Kropotkins Positionierung für eine Kriegspartei wird nicht unbedingt verschwiegen, aber es wird als Alterserscheinung abgetan und damit ist der Punk auch abgehakt.
Ebenso verhält es sich nach meinem Eindruck mit der Auseinandersetzung mit den den Anarchosyndikalist_innen um Rudolf Rocker in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese haben mit der Föderation freiheitlicher Sozialisten keine neue revolutionäre Gewerkschaft aufgebaut sondern einen theoretisch und publizistisch ausgerichteten Zusammenhang gegründet. Dieses Moment des innehaltens, des nicht einfach weitermachens sondern sich sammeln und das geschehene zu reflektieren wird jedoch nicht als vielleicht Notwendig diskutiert sondern gilt als Revisionismus. Was es natürlich auch ist, aber in dem Wort des Revisionismus klingt ja immer der Vorwurf der Abkehr von den alten, ewig gültigen Werten mit.
Es drängt sich immer wieder der Eindruck auf, der historische Anarchismus war durchaus versierter als das was die nachfolgenden Genoss_innen aus ihm gemacht haben.