Gegenrede

Selbst die Fleischfresserei ist niemandes Schuld, da sie sich im Gefolge einer natürlichen Evolution ergab. Immerhin sind die Unterschiede, die den sogenannten Menschen von seinen tierischen Verwandten trennen, nahezu gleich Null. Ähnlich, wie eine an Wuchs HÖHERE Person nicht annehmen darf, daß diese Überlegenheit ihr das Recht gibt, die an Wuchs NIEDRIGEREN zu fressen, so darf auch der mit etwas HÖHEREM Verstand Begabte nicht morden und fressen, und wenn er das schon tun muß (Rufe: „er muß nicht! Soll er Spinat essen!“) – wenn er, sage ich, das MUSS auf Grund einer tragischen erblichen Belastung, dann sollte er die blutigen Opfer in Angst, im geheimen, in seinen Erdlöchern und in den dunkelsten Winkeln der Höhlen verschlingen, gequält von Gewissensbissen und von Verzweiflung und in der Hoffnung, daß es ihm einst gelingen werde, sich von der Last dieser unaufhörlichen Morde zu befreien. Leider verhält sich Gräßel-Wüterich nicht so. Er entehrt die sterblichen Reste, er würgt sie und kugelt sie, er spielt mit ihnen, und erst später verschlingt er sie bei öffentlichen Fütterungen, inmitten von herumhüpfenden entblößten Weibchen seiner Art, weil das seinen Appetit auf die Verstorbenen steigert, aber die Notwendigkeit, diesem Zustand abzuhelfen, der nachgerade zur gesamten Milchstraße schreit, kommt ihm nicht einmal in seinen halbflüssigen Kopf. Im Gegenteil, er hat sich höhere Rechtfertigungen geschaffen, die zwischen seinem Magen, dieser Gruft ungezählter Opfer, und der Unendlichkeit gelagert sind und ihn befähigen, mit erhobener Stirn zu morden. Nur soviel, um der Hohen Versammlung nicht die Zeit zu rauben, zur Beschäftigung und zu den Bräuchen des sogenannten vernunftgebaten Menschen. Unter seinen Vorfahren schien einer gewisse Hoffnungen aufkommen zu lassen. Das war die Gattung Homo neandertalensis. Es lohnt, sich mit ihm zu befassen. Dem heutigen Menschen ähnlich, hatte er ein größeres Schädelvolumen und somit auch ein größeres Hirn. Ein Pilzsammler, zur Meditation neigend, verliebt in die Künste, sanft, phlegmatisch, verdiente er zweifellos, daß seine Mitgliedschaft in diesr Hohen Organisation heute erwogen würde. Leider weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Möchte nicht der Delegierte der Erde, den als Gast zu begrüßen wir hier die Ehre haben uns sagen, was aus dem so kultubeflissenen sympathischen Neandertaler geworden ist? Er schweigt somit werde ich für ihn antworten: Er wurde restlos ausgerottet, weggewischt von der Oberfläche der Erde durch den sogenannten Homo sapiens. Die Niedertracht des Brudermordes genügte noch nicht, denn die irdischen Wissenschaftler gingend aran, das vernichtete Opfer anzuschwärzen, indem sie sich selbst und nicht ihm – dem Großhirnigen – den größeren Verstand zuschrieben. Nun weilt unter uns, in diesem ehrwürdigen Saal, in diesen erhabenen Wänden, der Repräsentant der Leichenfresser, einfallsreich wenn es um mörderische Freuden geht, ein sinnreicher Architekt von Vernichtungsmitteln, dessen Äußeres zugleich lachen und schaudern hervorruft, das wir kaum unterdrücken können, ja, dort, auf der bisher unbefleckten weißen Bank, sehen wir ein Wesen, das nicht einmal den Mut eines konsequenten Verbrechers besitzt, denn es versieht die mit den Spuren seiner Morde gekennzeichnete Karriere ununterbrochen mit der schönheit falscher Namen, deren schreckliche, wahrhaftige Bedeutung jeder objektive Erforscher der Sternenrassen zu entschlüsselnt vermag. So, Hohe Ratschaft…

Der Vertreter Thubans der OVP.
Aus den Sternetagebüchern Ijon Tichys.

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1 Antwort auf „Gegenrede“


  1. 1 pixel 24. November 2010 um 18:55 Uhr

    Eine herrliche Kurzgeschichte, die ich selbst erst vor kurzem las.

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