Israel dekonstruieren

Jede Nation und ihr zugehöriger Nationalismus schaffen sich Mythen welche ihr Dasein als nahezu immerdar und natürlich erscheinen lassen. Da bildet nach Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau auch Israel keine Ausnahme. Er widmet sich dem Buch „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“ von Shlomo Sand, welches ich nicht gelesen habe, um dessen genauen Inhalt es hier aber auch nicht gehen soll. In diesem Buch wird die banale Erkenntnis erarbeitet, dass es das jüdische Volk als solches nicht gibt. Es gibt keine biologische Kontinuität von der „Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Kaiser Titus im Jahre 70“ bis zur Staatsgründung 1947. Vorher wird auch richtig festgestellt: „Keine der großen Erzählungen über die Entstehung des deutschen, des französischen oder des spanischen Volkes hat der historischen Kritik standhalten können. Die Vorstellung einer über Jahrhunderte sich erhaltenden Identität des Volkes hat mit der realen Geschichte Europas nichts zu tun. Sie ist die Konstruktion der Epoche der Nationalstaaten.“

Doch dann wird hier der gleiche Denkfehler gemacht, welchen auch viele Linke vollziehen. Bei diesen äußert es sich dann so: da es offensichtlich ist, dass es keine Völker gibt, kann die Beschäftigung damit abgeschlossen werden und jeder der noch das Wort Volk im Munde führt ist somit völkisch.

Aber wie es ebenso einfach zu erkennen ist, dass es keine Völker gibt, so einfach ist es eigentlich auch zu erkennen, dass es sie eben doch gibt. Denn wenn sich Millionen von Menschen als solches begreifen, dann wird diese Idee bittere Realität, welche in den Institutionen Staat und Nation auch ihre materiellen Grundlagen haben.

Was als Aufklärende Kritik an nationalen Mythen auftreten könnte gerinnt so zur Ideologie, welche von der nun als Lüge abgeschlossenen Vergangenheit nichts mehr zu wissen braucht. So sagt Shlomo Sand: „Besser als introvertierte Mythen über die Vergangenheit ist ein Mythos für die Zukunft. Der zum Beispiel von einer offenen, fortschrittlichen, nicht nationalistischen, wohlhabenden Gesellschaft. Der Staat Israel, der ja ein Staat aller Israelis ist, sollte auch eine Trauerstunde einführen zum Gedenken an die Vertreibung der Palästinenser.“

Es ist offensichtlich was in seiner Geschichte des „jüdischen Volkes“ fehlt. Es gibt keinen Antisemitismus. Und es scheinen auch nicht die Deutschen Erwähnung zu finden, welche sich durch die Vernichtung der europäischen Juden als Volksgemeinschaft konstituierten und wodurch sich im Gegenzug die Gemeinschaft derer bildet, welche dem Willen der Antisemiten nach in den Gaskammern umkommen sollten. So ist es für einen Juden völlig unerheblich ob er Religiös ist oder an die über 2000 jährige Geschichte des jüdischen Volkes glaubt, solange der Antisemit ihn zum Juden macht und als solchen vernichten möchte.
Oder, wie Ilja Ehrenburg es auf den Punkt brachte: „Ich bin russischer Schriftsteller, aber solange noch ein einziger Antisemit auf der Welt existiert, werde ich mich weiterhin und stolz >Jude< nennen.“

Auch wird suggeriert, der Zionismus würde im Grunde auf dem Mythos der jüdischen Rückkehr nach erez Israel basieren. Auch wenn er sicherlich eine Rolle spielte, gerade wo der Ort der Errichtung Israels für die Zionisten durchaus diskutierbar war. Jedoch wird schon in Theodor Herzls programmatischem Roman Altneuland als ein wesentlicher Grund für die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Staates der Antisemitismus genannt welcher in den Gesellschaften in denen Jüdinnen und Juden leben herrscht. Auch die großen Einwanderungswellen nach Palästina gab es nicht dann, wenn sich gerade mal auf die Religion und „prä-nationale“ Mythen besonnen wurde, sondern aufgrund von antisemitischen Pogromwellen.

Es bleibt nur wieder mal festzuhalten, dass wer von Israel redet vom Antisemitismus und der Vernichtung der eropäischen Juden nicht schweigen darf!

hier noch eine weitere Renzension des Buches aus der „Jüdischen Zeitung

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6 Antworten auf „Israel dekonstruieren“


  1. 1 lahmacun 31. Januar 2009 um 15:53 Uhr

    Denn wenn sich Millionen von Menschen als solches begreifen, dann wird diese Idee bittere Realität, welche in den Institutionen Staat und Nation auch ihre materiellen Grundlagen haben.

    bittere realität wird dann nationalismus, nicht ein wie auch immer geartetes „volk“.

  2. 2 phex 31. Januar 2009 um 16:51 Uhr

    natürlich gibt es das Volk nicht so, wie die Völkischen es sich zurechtspinnen. Aber dennoch existiert es quasi als eine Bewegung. Die Linke gibt es ja auch. Das sind dann leute die halt bestimmte politische Ansichten vertreten. Und das Volk besteht aus den Leuten die sich zum Volk erklären und dementsprechenden Unsinn verbreiten und dementsprechend handeln.

    Und ich nehme an völkisches Denken und Nationalismus sind nicht klar zu trennen. Wobei Nationalismus nicht zwingend völkisch ist, andersrum jedoch schon eine abhängigkeit besteht denke ich.

  3. 3 lahmacun 31. Januar 2009 um 17:56 Uhr
  4. 4 bigmouth 01. Februar 2009 um 18:44 Uhr

    Auch wird suggeriert, der Zionismus würde im Grunde auf dem Mythos der jüdischen Rückkehr nach erez Israel basieren.

    lies mal die israelishce unabhängigkeitserklärung. da wird dieser nationale mythos ganz dicke benutzt

  5. 5 phex 02. Februar 2009 um 0:00 Uhr

    naja, ganz dicke ist würde ich sagen ein bißchen übertrieben. Und habe ja auch nicht bestritten, dass dieser Mythos, soweit er denn einer ist, eine Rolle spielt. Darum sage ich ja auch, dass es durchaus Aufklärend sein kann mit diesem aufzuräumen.

  6. 6 lysis 03. Februar 2009 um 21:40 Uhr

    Zur Erfindung der jüdischen Nation siehe Adam Sabra, The Jewish Caste in Palestine. Der Artikel erhebt sich meilenweit über die kenntnislosen Texte, die hierzulande dazu fabriziert werden.

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